Reisebericht – Schnee und Polarlichter in der schwedischen Artkis

Mittlerweile ist meine Reise in die winterliche Artkis Nordschwedens bereits ein halbes Jahr Vergangenheit und noch immer fesseln mich die unglaublichen Erlebnisse dieser Reise. Von Nächten im Zelt bei unter -30 °C über tanzende, grüne Polarlichter bis hin zu einer weißen Wüste, welche die gesamten 360° des Horizonts bedeckte reichte das Spektrum. Die Achterbahn der Gefühle und Erlebnise die man dabei Vor-Ort erlebt sind zwar in keinster Weise zu transportieren, aber vielleicht zumindest ein (kleiner) Teil der Schönheit dieser Landschaft.

Am 5. April 2014 startete mein Flieger vom Flughafen Wien-Schwechat in Richtung Stockholm und am 20. April 2014 setzte ich das erste Mal wieder Füße auf österreichisches Staatsgebiet. Die Unternehmung dauerte laut meinem Taschenrechner also 16 Tage. Nun ja, weit gefehlt denke ich mir – denn bereits im Sommer 2013 begann ich damit, die passende Ausrüstung zu kaufen und zu testen, potentielle Zielgebiete zu sondieren und unterschiedlichste Routen auszuarbeiten. Zusätzlich baute ich mir eine Pulka (Lastenschlitten) im Eigenbau, wofür ich sowohl meine Heimwerker- als auch meine (begrenzten) Nähfertigkeiten mehr als nur komplett ausreizte. Als der österreichische Winter immer näherkam und die Flüge gebucht waren – standen die Eckdaten soweit fest:

  • Ziel: Abisko Nationalpark und Kebnekaisefjäll in Nordschweden
  • Unterkunft: Zelt + Schlafsack
  • Ernährung: Alles mitschleppen
  • Fortbewegung: Alpinski
  • Route: Mischung aus alpinen Gipfeltouren und vielen Talkilometern

Größtes Problem an der ganzen Sache: Das letzte Mal auf Skiern stand ich rund im die Übergangszeit vom Kindergarten zur Volksschule, danach beschränkten sich die winterlichen Sportaktivitäten allesamt aufs Snowboarden. Also musste ich ganz beiläufig auch noch Skifahren lernen 😉

Dieses Vorhaben gelang trotz kleiner Startschwierigkeiten dann doch noch “in time” und nach vielen Arbeitsstunden und etwa 2500 Euro an Ausgaben stand ich dann endlich am Check- In Schalter der Fluggesellschaft. Das Startgewicht der gesamten Ausrüstung belief sich auf etwa 50 KG und aus eigener Erfahrung kann ich nur weitergeben: Nehmt Rollen für euren Schlitten mit, falls ihr so etwas auch zum ersten Mal plant. Denn insgesamt gesehen war es definitiv die größte Herausforderung, das gesamte Gepäck zwischen öffentlichen Verkehrsmitteln, Flugzeugen und innerstädtischen Geschäften (Benzin für den Kocher kaufen in Stockholm usw.) herumzuschleppen. Bevor ich überhaupt noch meine Tour startete, hatte ich davon schon Blasen an den Fingern.

Kurz die Karte wo Abisko denn eigentlich genau liegt.

Lage von Abisko - nördlich des Polarkreises

Lage von Abisko – nördlich des Polarkreises Copyright: http://kso2.lantmanteriet.se

Nach einem rund 30 stündigen Anreisemarathon (was ich aber schon einmal erlebt habe, daher war es nichts ganz neues mehr – siehe auch Sarek Reisebericht vom Sommer 2013 Die letzte Wildnis Europas – 3 Wochen im Sarek Nationalpark) erreichte ich etwas geschlaucht und gleichzeitig nervös ob der bevorstehenden Ereignisse Abisko. Die Zugfahrt selbst war eigentlich schon ein Traum für sich – eine Reise durch mehrere Klima- und Landschaftszonen. Vom Vorfrühling in Südschweden über den Spätwinter mit letzten Schneeresten in Mittelskandinavien bis hin zum Hochwinter in Nordschwedens Arktisregionen – wo gerade das Schnee und Eismaximum bevorstand. Alleine diesen Wechsel in nur wenigen Stunden zu durchleben hat mich extrem fasziniert und begeistert. Hier ein ganz kleiner Ausschnitt davon:

Da ich jedoch ohne Verspätung zu Mittag in Abisko ankam und das Wetter geradezu perfekt war, entschloss ich mich direkt nach der langen Anreise meine erste Etappe von Abisko entlang des Kungsleden bis knapp nach der Hütte am Abiskojaure zu starten. Nach einigen Startschwierigkeiten mit dem schweren Schlitten und der leichten Schnurvariante als Zuggestängeersatz ging es zumindest einigermaßen zügig voran. Als mich jedoch mehrere Personen mit Langlaufskiern überholten wusste ich, dass meine Art der Fortbewegung mit Alpinskiern und Fellen im flachen Gelände doch nicht ganz optimal sein wird.

Eine der Hütten am Abiskojaure

Eine der Hütten am Abiskojaure

In der ersten Nacht zeigte Lappland das erste Mal seine Zähne. Aufgrund der windstillen und klaren Verhältnisse sank das Thermometer unter -25 °C, also ganz schön zapfig. Als ich aufwachte hatte ich ein etwas “prickelndes” Gefühl auf der Nasenspitze, aber ansonsten hielt mich mein Cumulus Alaska 1300 Daunenschlafsack super warm – ich war erleichtert, dass mein Equipment für solche Bedingungen gewappnet schien und erleichtert , dass jeder Euro den ich investierte nicht umsonst war.

 

Aber bereits nach dem ersten Tag wurde für mich klar, dass meine geplante Durchquerung des Kebnekaisefjälls höchstwahrscheinlich ein ermüdendes “Kilometerherunterspulen” werden würde, welches für mich keinen Genuss darstellt- mein Herz wollte eigentlich etwas anderes: In absoluter Einsamkeit die Einsamkeit genießen, und in absoluter Einsamkeit die Polarlichter bei ihrem Himmelstanz beobachten. Bislang hatte ich noch keine Polarlichter gesehen und sie waren eigentlich ein Hauptgrund diese lange Reise überhaupt anzutreten. Und so änderte ich meine Pläne ein wenig: Aus der 200 km langen Durchquerung wurde eine 100 km lange Rundtour mit Start und Ziel in Abisko.Dazwischen hatte ich je nach Wetter einige Bergtagesetappen angedacht. Essen usw. hatte ich ja genügend dabei und mit dem Zelt ist man ja so flexibel wie man es eben wünscht.

Die nächsten Tage waren weiter von super Wetter und sehr kalten Nächten geprägt. Meine Stimmungslage war aber doch deutlich wechselhafter und jeder der schon einmal für längere Zeit keinen Kontakt mit anderen Menschen hatte wird das bestätigen können. Tagsüber war es nicht so schlimm, da beim Marschieren auf den Skiern, Zeltab- und Zeltaufbau und dem Kochen nicht so viel Zeit blieb um wirklich über die eigene Situation nachzudenken. Sobald aber im Zelt erstmal Totenstille herrschte, hatte ich schon desöfteren Gedanken, die vermuten ließen dass ich nicht ohne größeren psychischen Schaden wieder heimkehren werde. Und just in einem solchen Moment, als ich erneut keinen wirklich ruhigen Schlaf fand dachte ich mir, ich gehe noch einmal nach draußen um den klaren Sternenhimmel zu bewundern. Das Thermometer zeigte -29 °C und so kostete es mich wirklich einiges an Überwindung noch einmal aus dem aufgewärmten Schlafsack raus- und in die kalte Daunenmontour hineinzuschlüpfen. Was danach geschah würde ich aber ohne zu zögern als die Nacht meines Lebens bezeichnen: Funkelnde Sterne, knirschender Schnee und die AURORA. Und das in einer solch schönen und ruhigen Umgebung, einfach atemberaubend wozu die Natur fähig ist.

Aurora Borealis

Aurora Borealis

Aurora Borealis Panorama

Aurora Borealis Panorama

PolarlichtNach dieser Nacht fühlte ich eine innere Zufriedenheit wie sie bei mir nur sehr selten vorkommt. Gepaart mit weiterhin traumhaftem Wetter genoss ich die Zeit immer mehr. Und ohne großen Zeitdruck nutzte ich die Zeit für viele Fotos und vergaß völlig auf den fehlenden “Luxus” der Heimat. Diese Zeit war wohl die entspannendste während der ganzen Unternehmung und so komplettierte ich meine 100 km Runde südlich von Abisko ohne gröbere Probleme, aber mit einigen Fotos im Gepäck. Diese folgen jetzt entfremdet von jeglicher chronologischer Ordnung 😉 Hier endet leider auch der Teil der Tour, welchen man in einen fortlaufenden “Reisebericht” verpacken kann. Danach wollte ich einige alpine Bergtouren (Tagestouren) unternehmen, die aber nicht immer funktionierten. Das Wetter in diesen Breiten zu dieser Jahreszeit ist leider doch unberechenbar. Nach einer Woche mit traumhaften Bedingungen verlief die zweite Woche extrem unterschiedlich. Von White-Out Bedingungen und Sturm bis hin zu Regenschauern und Plusgraden war alles dabei und die Sonne war nur mehr selten zu sehen. Alles was ich dabei noch an Fotografien oder Videos als wertvoll empfinde, werde ich ebenfalls in den bunten Mix am Ende dieses Berichts hinzufügen.

Bleiben nur noch ein paar abschließende Gedanken festzuhalten:

  • Duschen wird überbewertet
  • Nördlich des Polarkreises ist es zu jeder Jahreszeit schön
  • Trotz Klimawandel gibt es NOCH richtigen Winter
  • Die Aurora sollte man einmal im Leben gesehen haben
  • “Abenteuer” benötigen nur etwas Planung

 

Und weil ich keinen besseren Platz dafür gefunden habe, hier noch ein kurzes Video von “altocumulus lenticularis” Wolken in der Nähe von Abisko am letzten Abend. Das sind klassische Föhnwolken die durch Wellenbewegungen im Lee von Gebirgszügen entstehen. Und da sich das Gebirge nicht wirklich bewegt sind sie oft sehr lange ortsfest, so lange sich die Grundströmung nicht sonderlich ändert. Dann starten aber wirklich die Fotos 😉

Blick in Richtung Lapporten

Blick in Richtung Lapporten

Alte Samihütten in der weißen Wüste - Blickrichtung Norwegen

Alte Samihütten in der weißen Wüste – Blickrichtung Norwegen

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P.S.: Zurück in Stockholm hatte ich noch einen Tag Zeit um die Stadt zu genießen und mich wieder an das städtische Leben zu gewöhnen. Direkt vor dem “Stadshuset” kam ich mit einem Deutschweden ins Gespräch welcher gerade dabei war zu angeln. Er erzählte mir über Gott und die Welt, und wie er aufgrund von mangelnder Chancen die ehemalige DDR verließ um in Schweden sein Glück zu finden. Dort hat er geheiratet, Kinder bekommen und genießt jetzt seinen Ruhestand beim Angeln in einer der schönsten Städe die ich kenne. Und ja, irgendwann überließ er mir auch kurz die Angelrute und das ist das Endprodukt der ganzen Geschichte:

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